„Augen zu und durch“
Der Satz fällt in fast jedem Gespräch mit Menschen Ende fünfzig. Manchmal wörtlich, manchmal in Varianten: „Ich sitze Schwankungen einfach aus.“ „Ich brauche das Geld ja nicht morgen.“ „Mit siebzig kann ich immer noch umschichten.“
In der Ansparphase stimmt das sogar. Wer mit 35 ein Minus im Depot sieht, kauft im nächsten Monat günstiger nach. Der Kurssturz ist ein Rabatt. Der Sparplan arbeitet für ihn.
Mit 62 dreht sich das um. Der Sparplan endet. Die Entnahme beginnt. Und ein Minus im Depot ist kein Rabatt mehr, sondern ein Loch, aus dem monatlich Geld herausgenommen wird.
Zehn Jahre davor. Zehn Jahre danach.
Zwischen dem 55. und dem 75. Lebensjahr, grob gesagt zehn Jahre vor und zehn Jahre nach dem Rentenbeginn, ist ein Depot verletzlicher als in jeder anderen Phase. In der Fachliteratur heißt das Reihenfolgerisiko, auf Englisch Sequence-of-Returns-Risiko. In der deutschen Finanzplanung wird darüber kaum gesprochen. In unseren Gesprächen taucht es nur auf, wenn wir es selbst auf den Tisch legen.
Der Grund ist einfach zu beschreiben. In der Ansparphase spielt es keine Rolle, ob die schlechten Börsenjahre am Anfang oder am Ende kommen. Am Ende steht dieselbe Zahl. In der Entnahmephase ist die Reihenfolge alles. Wer in den ersten Jahren Kursverluste hat und gleichzeitig entnimmt, verkauft Anteile zum schlechtesten Zeitpunkt. Diese Anteile fehlen später. Wenn die Kurse wieder steigen, steigt weniger mit.
Ein Jahr Unterschied
Zwei Menschen, gleiches Depot, gleiche monatliche Entnahme. Der eine geht Ende 1999 in den Ruhestand. Der andere ein Jahr davor.
Ab 2000 fielen die Aktienkurse drei Jahre in Folge. Kaum erholt, kam 2008 der nächste Einbruch von rund vierzig Prozent. Wer Ende 1999 mit hundert Prozent Aktien gestartet ist, hatte zehn Jahre später zwei Krisen hinter sich und in Euro gerechnet weniger als am Anfang. Und er hatte in jedem dieser Jahre entnommen. Das Geld, das später an den steigenden Kursen von 2010 bis 2021 hätte verdienen können, war zum Teil schon ausgegeben.
Der andere hatte 1999 noch ein sehr gutes Börsenjahr mitgenommen, bevor die Verluste kamen. Sein Depot ging mit einem Polster in die Krise. Am Ende der zwanzig Jahre liegen die beiden Ruhestände weit auseinander. Getrennt durch ein einziges Startjahr, das keiner von beiden gewählt hat.
Das lässt sich in einem einfachen Rechenbeispiel nachstellen: 500.000 Euro, 24.000 Euro Entnahme pro Jahr, zehn Jahre, in beiden Fällen dieselben zehn Jahresrenditen mit derselben Durchschnittsrendite. Nur die Reihenfolge ist einmal umgedreht. Kommen die drei Verlustjahre zuerst, bleiben nach zehn Jahren rund 260.000 Euro. Kommen sie zuletzt, sind es rund 430.000 Euro. Gleiche Rendite. Gleiche Entnahme. 170.000 Euro Unterschied.
„Ich habe doch noch zwanzig Jahre Zeit“
Auch dieser Satz fällt regelmäßig. Und er stimmt, rein statistisch. Ein 62-Jähriger hat im Schnitt noch über zwanzig Jahre vor sich. Aber er hat sie nicht am Stück. Er braucht das Geld in Raten, ab dem ersten Monat. Die zwanzig Jahre helfen dem Depot nur, wenn in den ersten fünf davon nicht verkauft werden muss.
Was in dieser Phase anders werden muss
Der Fehler ist nicht die hohe Aktienquote an sich. Der Fehler ist, dass sie mit 58 dieselbe ist wie mit 38, ohne dass jemand die Entscheidung bewusst getroffen hat. Der Sparplan hat sie getroffen.
In den Gesprächen sehen wir, was hilft: Etwa zehn Jahre vor dem geplanten Rentenbeginn einmal hinsetzen und die Aktienquote schrittweise senken, nicht auf null, aber deutlich. Je nachdem, wie gut jemand Schwankungen aushält und wovon er in den ersten Jahren leben will, landet sie irgendwo zwischen dreißig und sechzig Prozent. Dazu ein Liquiditätspuffer, der die ersten Jahre der Entnahme trägt, damit in einem Verlustjahr kein einziger Aktienanteil verkauft werden muss.
Das ist der eigentliche Kern: Ein Buchverlust im Depot tut weh, aber er kommt zurück. Ein Verlust, der durch Verkauf entsteht, kommt nicht zurück. Die ganze Kunst dieser zwanzig Jahre besteht darin, aus dem ersten nie das zweite werden zu lassen.
Woran man erkennt, dass es Zeit ist
Der Sparplan läuft seit über zehn Jahren unverändert. Die Aktienquote wurde zuletzt beim Einrichten festgelegt. Und die Frage „Wovon lebe ich in den ersten drei Jahren nach dem letzten Gehalt?“ hat noch niemand konkret gerechnet.
Wenn zwei dieser drei Sätze zutreffen, ist die Risikozone bereits erreicht. Ob das Startjahr gut oder schlecht wird, entscheidet der Markt. Ob es etwas ausmacht, entscheidet die Vorbereitung.
Wann haben Sie Ihre Aktienquote zuletzt bewusst festgelegt, und nicht der Sparplan?



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