Eine Regel, die in eine Richtung läuft
„100 minus Alter“ hat einen großen Vorzug: Man kann sie sich merken. Und sie hat einen Kern, der stimmt. Wer näher an den Rentenbeginn rückt, sollte weniger Schwankung im Depot haben.
Was sie nicht kann: unterscheiden. Sie behandelt den 62-Jährigen, der gerade das erste Mal entnimmt, genauso wie den 78-Jährigen, der die schwierigen Jahre längst hinter sich hat. Sie kennt nur eine Richtung: runter, für immer.
Aus der Beratung sehen wir ein anderes Bild. Es gibt eine Phase, in der Schwankungen richtig wehtun. Und es gibt eine Phase davor und eine danach, in der sie das nicht tun.
Die Jahre, auf die es ankommt
Die verletzliche Phase liegt um den Rentenbeginn herum. Etwa zehn Jahre davor, etwa zehn Jahre danach. Wer in diesen Jahren gleichzeitig entnimmt und Kursverluste hat, verkauft Anteile zum schlechtesten Zeitpunkt. Diese Anteile fehlen, wenn die Erholung kommt.
Mit 45 spielt das keine Rolle. Es wird nicht entnommen, sondern gespart. Mit 78, nach fünfzehn Jahren Entnahme, ist der größte Teil des Kapitalbedarfs bereits durch. Was jetzt noch im Depot liegt, wird über viele Jahre gebraucht oder an die nächste Generation weitergegeben. Beides verträgt Schwankung.
Dazwischen liegt der Abschnitt, in dem eine hohe Aktienquote ein echtes Risiko ist. Nicht wegen der Schwankung selbst, sondern weil in diesen Jahren aus der Schwankung durch Verkauf ein endgültiger Verlust werden kann.
„Mit dem Alter geht die Aktienquote runter. Das ist doch logisch.“
Der Satz kommt in jedem zweiten Gespräch. Und er beschreibt genau das Bild, das „100 minus Alter“ im Kopf erzeugt: eine gerade Linie nach unten.
Die Beobachtung aus den Gesprächen sieht anders aus. Sie hat die Form eines U. Hoch in der Ansparphase. Abgesenkt in den zehn Jahren vor und den ersten Jahren nach dem Rentenbeginn, je nach Person irgendwo zwischen dreißig und sechzig Prozent. Und danach, wenn die kritischen Jahre gut überstanden sind, darf die Quote wieder steigen.
Das ist keine Idee von uns. Die US-Finanzplaner Wade Pfau und Michael Kitces haben 2014 im Journal of Financial Planning gezeigt, dass ein Depot, dessen Aktienquote im Ruhestand wieder ansteigt, in den historischen Daten seltener vorzeitig leer läuft als eines, das dauerhaft absenkt. In der deutschen Beratungspraxis ist dieser Gedanke fast nirgends angekommen.
Wie sich das in einem Gespräch anfühlt
Eine Frau, 71, Rentenbeginn mit 63. Aktienquote damals bewusst auf 40 Prozent gesenkt, dazu ein Puffer, der die ersten vier Jahre der Entnahme getragen hat. Die acht Jahre seit dem Rentenbeginn sind gut gelaufen. Das Depot steht höher als am Anfang.
Auf die Frage, ob sie die Aktienquote wieder anheben will, kommt zuerst Widerstand: „Ich bin 71. Da erhöht man doch nichts mehr.“ Dann die Rechnung: Der Puffer ist gefüllt, die nächsten fünf Jahre Entnahme sind gedeckt. Das Geld, das jetzt in Aktien geht, wird frühestens 2031 gebraucht. Und ein Teil davon vermutlich nie, sondern von den Kindern.
Sie hat die Quote am Ende auf 55 Prozent erhöht. Nicht weil sie mutiger geworden ist, sondern weil die gefährlichen Jahre vorbei sind.
Die Regel, die man sich merken sollte
Die Aktienquote folgt nicht dem Alter. Sie folgt der Frage, wann das Geld gebraucht wird und ob in einem Verlustjahr verkauft werden müsste.
Zehn Jahre vor dem Rentenbeginn heißt das: schrittweise senken, Puffer aufbauen. In den ersten Ruhestandsjahren heißt es: aushalten, nicht aus dem Aktienteil entnehmen. Und danach heißt es: einmal ehrlich prüfen, ob die niedrige Quote noch einen Grund hat oder nur noch eine Gewohnheit ist.
Der 68-Jährige mit den 32 Prozent hat inzwischen nachgerechnet. Seine Entnahme ist für sechs Jahre gedeckt. Die Regel, die er zwanzig Jahre befolgt hat, hat er beendet.
Folgt Ihre Aktienquote Ihrem Alter, oder dem Jahr, in dem Sie das Geld brauchen?



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