Der Irrtum ‚Viel hilft viel‘
In fast jeder Portfoliobetrachtung begegnet uns dasselbe Bild: Ein Depot voller Fonds, Einzeltitel und ETFs. Die Motivation – nachvollziehbar. Mehr Positionen bedeuten vermeintlich mehr Sicherheit und weniger Klumpenrisiken. Doch dieser Glaube führt regelmäßig in eine gefährliche Komfortzone. Die entscheidende Frage ist nämlich nicht: Wie viele Investments habe ich? Sondern: Wie sehr unterscheiden sich diese Investments tatsächlich voneinander?
Überlappungen – das unsichtbare Klumpenrisiko
In der Realität investieren viele Anleger mit 15, 20 oder mehr Finanzprodukten in die immer gleichen Märkte und Unternehmen. Der berühmte „MSCI World“ ist zum Beispiel der Klassiker im Depot – oft ergänzt durch weitere ETFs oder Fonds, die auf den ersten Blick anders wirken, aber in Wahrheit große Überschneidungen haben. Wer es genau analysiert, stellt fest: Apple, Microsoft, Nestlé & Co. finden sich in mehreren Positionen wieder – manchmal mit überraschend hohem Anteil am Gesamtvermögen.
Die wahre Streuung bleibt dabei auf der Strecke. Das Depot wirkt auf den ersten Blick diversifiziert, ist es in Wirklichkeit aber nicht. Wer so aufgestellt ist, überschätzt seine Risikostreuung dramatisch – und ist am Ende vielleicht doppelt und dreifach in denselben Unternehmen investiert.
Praxisbeispiel: 20 Fonds und trotzdem Klumpenrisiko
Wir haben in Depotanalysen regelmäßig Konstellationen mit 20 unterschiedlichen Fonds – am Ende sind 50% des Depots trotzdem in den größten 30 Aktien der Welt investiert. Das ist kein Einzelfall. Anleger wissen oft gar nicht, wie hoch ihre tatsächliche Exponierung in einzelnen Werten oder Branchen ist. Die Folge: Im Risiko- oder Krisenfall schwankt das Depot nicht weniger als ein einfaches Weltportfolio mit nur einem (!) breiten ETF.
Diversifikation ist mehr als Zählerei: Was wirklich streut
Streuung entsteht nicht durch eine bloße Addition von Positionen. Entscheidend ist, dass die zugrunde liegenden Investments voneinander unabhängig reagieren. Dafür gibt es zwei wesentliche Hebel:
- Verschiedene Anlageklassen – also z. B. Aktien, Renten, Immobilien, Liquidität, Edelmetalle, Alternatives, evtl. auch Krypto.
- Unterschiedliche Märkte, Regionen, Sektoren und Strategien innerhalb einer Anlageklasse – aber bitte konsequent und transparent, nicht nach Etikett.
Ein breiter, globaler Aktien-ETF kann mitunter eine bessere Streuung bieten als fünf „modische“ Branchen-ETFs oder zehn Fonds, die am Ende doch auf denselben Index schauen. Besonders im Einzeltitel-Bereich sehen wir, dass Anleger zwar viele Werte halten, sich aber geografisch oder thematisch nicht wirklich abgrenzen.
Anlagepsychologie: Diversifikation als Beruhigungspille
In der Beratungspraxis taucht ein psychologischer Effekt immer wieder auf: Viele Positionen suggerieren Kontrolle, Professionalität, Sicherheit. In Wahrheit entsteht häufig das Gegenteil. Je mehr Produkte, desto schwieriger wird der Überblick, desto mehr klammern sich Anleger an die Schein-Sicherheit des Zahlenspiels und verdrängen die eigentlichen Risiken im Portfolio.
Hinzu kommt: Je unübersichtlicher das Depot, desto weniger fühlen Anleger den Drang, wirklich kritisch zu hinterfragen. Das bunte Potpourri wirkt komplex – und Komplexität fühlt sich (scheinbar) professionell an. Leider ist sie oft nur teuer, intransparent und risikoreich. Das diffuse Gefühl von „Ich bin bestimmt breit aufgestellt“ kann trügerisch und gefährlich sein.
Wie sieht echte Diversifikation aus?
In der Praxis ist „weniger ist mehr“ oft der beste Rat. Es geht nicht darum, möglichst viele Produkte zu halten, sondern die Beziehungen der Positionen zueinander zu verstehen und bewusste Entscheidungen für Streuung zu treffen.
- Wenige, klar definierte Fonds oder ETFs, deren Inhalte und Überschneidungen man exakt kennt – im Idealfall maximal 3–5 Produkte für den Kern.
- Ergänzend mehrere Anlageklassen: Das eigentliche Risiko wird erst entschärft, wenn neben Aktien auch andere, unabhängig reagierende Bausteine (Renten, Immobilien, Liquidität, Alternatives etc.) integriert sind.
- Regelmäßige professionelle Depotanalyse (beispielsweise im Rahmen einer unabhängigen Honorarberatung), um Überlappungen, Klumpen und Fehlläufe aufzudecken.
Konkretes Beispiel: Ein ETF kann mehr streuen als 20 Einzeltitel
Wer 20 deutsche Einzelaktien hält, trägt ein massives Branchen- und Länderrisiko – selbst wenn jeder Name auf der Liste anderes klingt. Wer dagegen einen globalen ETF wählt, investiert automatisch in Hunderte oder Tausende Unternehmen unterschiedlichster Branchen und Länder. Das ist Risikostreuung per System – und nicht per Stückzahl.
Fazit: Investieren Sie strukturiert, nicht quantitativ
Es zählt nicht, wie viele Investments Sie im Depot haben. Entscheidend ist, was tatsächlich dahinter steckt. Kontrollieren Sie regelmäßig, wie viel Überschneidung und Klumpen Sie wirklich haben und ob Ihr Portfolio strukturell robust ist. Oft ist der mutigste und beste Schritt: Reduktion auf das Wesentliche – und die ehrliche Analyse, ob Ihre Streuung wirklich eine Streuung ist. So funktioniert professionelle Vermögensstrukturierung heute; alles andere ist nur Beruhigung für das eigene Bauchgefühl.



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