Zwei Verluste, die gleich aussehen
Auf dem Bildschirm sehen beide gleich aus: eine rote Zahl. Aber es sind zwei verschiedene Dinge.
Der Buchverlust ist ein Kurs, der gerade niedrig steht. Er tut weh, er ändert nichts an der Zahl der Anteile im Depot, und er ist bisher jedes Mal zurückgekommen. 2003, 2009, 2020.
Der echte Verlust entsteht in dem Moment, in dem Anteile zu diesem niedrigen Kurs verkauft werden. Die Anteile sind weg. Die Erholung findet ohne sie statt.
In der Ansparphase passiert das zweite so gut wie nie. Niemand muss verkaufen, das Gehalt kommt jeden Monat. In der Entnahmephase passiert es fast automatisch, denn irgendwoher muss das Geld für Oktober kommen. Wer dann nur ein Depot hat und kein Konto, verkauft. Egal, wie der Kurs steht.
„Das ist doch nur ein Buchverlust“
Den Satz sagen alle. In der Ansparphase stimmt er auch. Wer ihn mit 64 sagt und gleichzeitig jeden Monat 3.000 Euro entnimmt, hat ihn in dem Moment selbst widerlegt. Jede Entnahme im Minus macht einen Teil des Buchverlusts echt. Nicht auf einmal, sondern in Raten.
Und der zweite Satz, der fast immer folgt: „Dann entnehme ich halt weniger, wenn es schlecht läuft.“ Das klingt vernünftig. Es setzt nur voraus, dass jemand im März 2020 ruhig bleibt, die Entnahme kürzt und die Kurse ignoriert. Der Mann aus dem ersten Absatz hatte sich das auch vorgenommen.
Was den Unterschied macht
Nicht die Aktienquote. Nicht die Fondsauswahl. Der Kontostand.
Wer die ersten drei bis fünf Jahre der Entnahme auf dem Tagesgeld oder im Festgeld liegen hat, muss in einem Verlustjahr keinen einzigen Aktienanteil verkaufen. Das Depot darf fallen. Es wird nicht angefasst. Das Geld für Oktober kommt vom Konto.
Das ist der eigentliche Grund, warum Menschen mit einem Liquiditätspuffer 2008 und 2020 ruhig geblieben sind, und Menschen ohne nicht. Es war keine Frage des Charakters. Es war eine Frage, ob es einen zweiten Topf gab.
Warum das mit Anfang 50 auf den Tisch muss
Der Puffer entsteht nicht von allein. Der Sparplan kennt ihn nicht. Er kauft jeden Monat Aktienanteile, bis jemand ihn stoppt.
In den Gesprächen sehen wir dasselbe Muster: Mit Anfang 50 läuft alles. Das Depot wächst, der Sparplan läuft, das Thema ist erledigt. Mit 60 kommt die erste konkrete Frage: Wovon lebe ich in drei Jahren? Und dann fehlen die Jahre, in denen der Puffer in Ruhe hätte aufgebaut werden können. Ausgerechnet dann müsste man aus dem Depot Geld herausziehen, um den Puffer zu füllen, und ausgerechnet dann steht die Börse vielleicht schlecht.
Wer mit Anfang 50 anfängt, hat zehn Jahre, um den Puffer aus laufendem Einkommen, aus dem Sparplan oder aus guten Börsenjahren zu füllen. Wer mit 62 anfängt, muss ihn aus dem Depot nehmen. Beim ersten ist der Kurs egal. Beim zweiten ist er alles.
Die Rechnung, die die meisten noch nicht gemacht haben
Wie viel brauche ich im Monat, wenn das Gehalt wegfällt? Wie viel davon kommt aus Rente, Versorgungswerk, Miete? Wie groß ist die Lücke, die das Depot füllen muss? Und wie viele Jahre dieser Lücke liegen heute schon außerhalb des Aktienteils?
Vier Fragen. Die ersten drei beantworten die meisten in zehn Minuten. Die vierte beantwortet fast niemand, weil sie noch nie gestellt wurde.
Der Mann aus dem März 2020 hat inzwischen einen Puffer für fünf Jahre. Er sagt, er schaue seit dem Jahr kaum noch ins Depot. Nicht weil es ihm egal ist. Weil es keinen Anlass mehr gibt.
Wie viele Jahre Ihrer Entnahme liegen heute außerhalb des Depots?



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